Let's go
Es geschieht ihnen in Sekundenbruchteilen
Der Schlüssel passt. Er dreht im Schloss. Der Riegel zieht sich mit einem schlagenden Geräusch zurück. Ich schiebe die schwere, hölzerne Eingangstür nach innen auf.
Helles Sonnenlicht fällt aus zwei Zimmern in den Flur des alten Bauernhauses. An einem der Kleiderhaken hängt eine rote Daunenjacke, bunte Crocs liegen wie schnell vom Fuß geschüttelt auf dem langen, schmalen Flickenteppich. Gemütlich hier. Und warm. Riecht nur ein bisschen muffig.
Ich stelle meinen Rucksack ab, ziehe die Wanderstiefel aus und trete durch eine der offenen Türen. Eine Küche. Das erste, was ich sehe, ist die gläserne Kanne der Kaffeemaschine. Noch ein Rest drin. Ich gehe hin. Schütte die dickliche, schwarze Brühe zu ein paar Brotkrümeln ins Waschbecken. Drehe den Wasserhahn auf. Er schluckt und sprüht, als alles in den Abfluss rinnt.
Zwei Tage zuvor
„Wow, wieviel Schnee gefallen ist!“ Mund und Augen wie Kugeln. Aufgerissen.
Es ist kalt. Der Atem stößt kleine weiße Wölkchen in die Luft. Er dreht sich zu den anderen um. Die Hand geht hoch, zeigt an: „Das ist locker ein halber Meter.“ Die Stimme ganz hoch. Strahlendes Lächeln. Nur noch weiße Zähne in dem schönen jungen Männergesicht. Er liebt den Schnee. Hat ihn schon geliebt, als er hier als Junge mit seinen Schwestern und Cousins Skifahren gelernt hat.
In dem engen Flur stehen vier junge Leute in Skiunterwäsche. Drei von ihnen Männer, fast noch Jungs, eine junge Frau. Sie drängeln sich um die Eingangstür, die offensteht. Gerade erst wird es hell. Noch kann man die Sterne ein wenig sehen. Der junge Mann an der Tür langt ins frische Weiß und wirft den Schneestaub hinter sich. Gejohle. Lachen. Geschubse. Freudig wie kleine Kinder toben sie in den Wohnraum zurück.
„Hey kannst Du den Kaffee aus der Küche mitbringen, wenn Du Brot holst?“
„Mach‘ ich“, ruft einer zurück. Schneidet mit dem mächtigen alten Brotmesser vier Scheiben vom kantigen Brotlaib runter, schnappt sich die Kanne. Läuft auf Socken den kurzen Weg zurück ins Wohnzimmer.
Sie sitzen um den runden Holztisch. Die Fensterläden sind noch zugeklappt. Einer schüttet der jungen Frau Kaffee in die Tasse. Sie nickt ihn lächelnd an. Gießt Milch hinein. Beginnt zu schlürfen.
Einer sagt: „Es ist zu geil um nicht zu fahren heute.“ Alle schauen ihn an.
„Warnstufe 2 bis 3 ist es, ich hab nachgesehen“, sagt ein anderer. Kneift die Augen zusammen. „Ist das gefährlich?“
„Vielleicht. Ein bisschen. Vielleicht warten wir besser.“
„Morgen fahren wir zurück. Letzte Chance heute auf Wandern und Tiefschneefahren.“
„Und das bei dem geilen Neuschnee. Und Sonne pur.“
„Also wer macht mit?“
„Oh nee, ich weiß nicht.“
„Ach komm, nicht schon wieder die Diskussion von gestern Abend. Wir haben gesagt, wir warten ab. Und bei Stufe 2 bis 3 kann man fahren. Wir sind gut ausgerüstet und wir passen auf. Also, wer kommt mit?“
Drei Hände gehen hoch. Zwei schnell. Eine zögernd. Eine bleibt unten.
„Ich bleibe auf der Hütte.“ Pause. „Kann ja Fotos machen.“ Grinsen. Kopfschütteln.
„Ok. Let’s go.“
Ein Rest Brot liegt noch auf einem Holzbrettchen. Ich stupse es kurz mit dem Zeigefinger an. Hart. Mein Blick wischt umher. Frühstücksgeschirr wirr auf der Anrichte neben einer offenen Chipstüte. Eingetrocknete Butter an Messern. Nutella-Reste auf einem der Teller. Die hatten es eilig, denke ich. Im Kühlschrank eine angetrunkene Flasche Bier, der Kronkorken wieder draufgedrückt, ein paar weitere gestapelt im Kühlfach. Zwei Gläser grünes Pesto, Plastikpäckchen mit veganer Wurst, Joghurt. Nicht wirklich viel drin.
Der Elektroherd ist schmutzig, Nudelwasser übergekocht vielleicht. Bestimmt wollten sie am Abend nach der Skiwanderung ein bisschen Ordnung machen.
Es wird in dicke Pullover geschlüpft. Auf dem Boden gesessen, um die warmen Socken gerade zu ziehen. Damit sie in den Schuhen gut sitzen.
„Hast Du meinen Helm gesehen?“ „Ich hole schonmal die Ski aus dem Schuppen.“ „Bringt mir die Schneeschuhe zum Auto.“ „Und vergiss die Sonnenbrille nicht“.
Zwei der jungen Männer springen die Treppen vor dem Eingang hinunter. Gerade geht die Sonne über den Bergen um sie herum auf. Das Haus liegt in einem kleinen Tal. Einer zieht sich im Laufen die Handschuhe über:
„Ich habe so‘n Bock auf die Wanderung. Und die Abfahrt wird so cool.“
Nach ein paar Minuten haben sie alles ins Auto gepackt.
„Let’s go. Wo bleiben die anderen?“
„Ich schau‘ mal nach.“
Er stapft durch den dicken Schnee zurück zum Eingang. Als er die Stufen hochsteigt, drückt jemand gerade von innen die Fensterläden auf.
Ich gehe weiter ins Wohnzimmer. Sessel stehen rund um den offenen Kamin linkerhand. Hingeworfen dicke Wolldecken. Spielkarten auf dem Boden. Jemand muss mit dem Fuß dagegen gestoßen sein. Der Stapel liegt da wie ein spanischer Fächer. Herz Dame ganz oben. Doppelkopf? Sie haben wohl am Abend vor der Tour den Kamin angezündet. Ein paar Scheite am Rand, der Rest ist runtergebrannt. Ich setze mich. Schaue in den dunklen Kamin.
„Oh Mann, ich hab‘ echt keine Lust mehr. Ich bin der volle Loser.“
Er stöhnt auf, legt die restlichen Karten aus seiner Hand etwas zu fest auf den Tisch, steht auf und geht zum Kamin. Holz knistert beim Verbrennen, es riecht nach Rauch. Er setzt sich, legt die Füße hoch und die Decke darüber. Schaut in sein Handy.
Nach ein paar Minuten: „Sagt mal, wollen wir die Tour morgen wirklich machen?“
Sein Freund dreht abrupt den Kopf vom Tisch her zu ihm hinüber. Fast hart ist sein Ton:
„Hä, was soll das jetzt? Dafür sind wir doch die lange Strecke bis hierhergekommen.“
„Ja, aber die Lage sieht nicht perfekt aus. Ich hab’s gerade nochmal gecheckt.“
„Was meinst Du? Morgen soll es geil werden. Es wird schneien über Nacht, da haben wir morgen feinsten Neuschnee.“
„Die warnen vor Lawinen.“
„Komm‘ lass‘ uns morgen schauen, was geht.“
Er schiebt seine halb getrunkene Flasche Bier zur Seite. „Genug. Morgen muss ich fit sein.“
Ein Telefon summt.
Der Wind rüttelt an den Fensterläden. Einer schiebt sich quietschend ein Stückchen zu. Ich stehe auf. Schaue hinaus. Traumhafte Berglandschaft. Tief verschneit. Gleissender Sonnenschein. So muss es auch vorgestern gewesen sein, schießt es mir durch den Kopf.
Die Familie eines der jungen Männer hat das Haus vor langen Jahren gekauft. Nach und nach haben sie es renoviert, die alten Holzböden freigelegt, die Küche modernisiert. Heute ist es das Ferienhaus der Familie. Termine spricht man über WhatsApp ab und jedes Jahr zu Weihnachten trifft man sich hier. Fährt Schlitten am Abend, den Tag über Ski oder macht Skitouren. Isst, trinkt, spielt, feiert. Er ist damit groß geworden. Er liebt es.
Als eines Abends daheim in einer Kneipe unter den neuen Studienfreunden die Idee aufkam, man könne ja im Winter gemeinsam eine Skitour machen, war er sofort Feuer und Flamme. Schnee! Skiwandern! Er versprach, seine Eltern zu fragen, ob er mit seinen Freunden herkommen könnte.
Es ist sein Telefon, das summt. Er bleibt am Tisch sitzen, das Gespräch ist kurz.
„Hi, ja gut, und Euch?“ Er sagt einen Moment lang nichts.
„Ja Mama, den Lawinenlagebericht haben wir auch gesehen.“ Stimme gedehnt.
Er horcht ins Telefon.
„Nein, aber…ja…ok. Nein, wenn es nicht gut ist, gehen wir nicht.“
Er horcht weiter.
„Was soll ich?... ja, also gut, versprochen. Tschüss Mama, schlaf gut.“
Einen Moment noch hält er das Handy am Ohr. Dann legt er auf.
Ich drehe mich um, steige die schmale, hölzerne Treppe hinauf in den ersten Stock. Ein weiterer Flur, dieses Mal dunkel. Suche den Schalter. Finde ihn. Knipse das Licht an. Drei Türen. Ich öffne die, die mir am nächsten ist. Kleines Zimmer, Doppelstockbett, zerknüllte Kopfkissen in braunen Bezügen, ein Schlafsack auf dem unteren Bett. Handtücher hängen vom oberen zum Trocknen runter. Müffeln noch. Auf einem Stapel in der Ecke Klamotten. Jeans, Sweatshirts, Unterwäsche. Ein offener Holzschrank. Ein kleines Fenster. Ich öffne es. Die frische, kühle Luft strömt hinein.
Das grelle Deckenlicht ist noch an. Einer liegt im unteren Bett. Zieht den Schlafsack bis ganz oben zu. Sie haben die Heizungen hier oben in den Zimmern gar nicht angemacht. Sein Handy neben ihm. Er hat noch die Mitteilungen der Wetterapp aktiviert, bevor er sich für die Nacht einrichtet. Die Tür wird aufgerissen. Der Freund stolpert mit der Zahnbürste in der Hand ins Zimmer. Grinst.
„So früh bin ich lange nicht ins Bett gegangen.“
Er löscht das Licht. Klettert auf das obere Bett. Sie wünschen sich eine gute Nacht.
Das andere Schlafzimmer sieht ähnlich aus. Ein Notizbuch liegt auf der Fensterbank, zwei Krimis, Taschentücher. Nasenspray. Jemand war erkältet. Im Bad Zahnbürsten in bunten Ikea-Plastikbechern. Ich drücke auf den Lichtschalter. Steige die Holztreppe wieder herunter. Setze mich auf die unterste Stufe.
Schaue auf die Holztür. Ich muss weinen.
Die Sonne ist gerade aufgegangen, da sitzen sie alle im Auto. Eine halbe Stunde Fahrt. Dann haben sie die Almhütte erreicht. Von hier geht’s los.
Sie tragen Fäustlinge. Über Skijacken den Lawinenrucksack mit Airbag. Der soll verhindern, dass man zu tief verschüttet wird, falls man in eine Lawine gerät. Im besten Falle öffnet er sich und man bleibt halbwegs an der Schneeoberfläche. Das kann lebensrettend sein, weil man dann schneller ausgegraben werden kann. Am Körper haben alle drei das Lawinenverschütteten-Suchgerät, das einmal pro Sekunde ein Funksignal aussendet.
Es ist Nachmittag, als die Lawine abgeht.
Derjenige, der auf der Hütte wartet, hört sie.
Sie fahren gerade einen der letzten steilen Hänge zur Almhütte hinab.
Es geschieht ihnen in Sekundenbruchteilen.



Spannend bis zum letzten Satz. Und gut so, das Ende!